Interview: Prof. Dr. Stefan R. Hauser

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Prof. Dr. Stefan R. Hauser...

kam nach einem Studium in Bonn und Berlin und wissenschaftlichen Stationen – unter anderem in Washington (Dumbarton Oaks und National Gallery), New York (Columbia), beides USA, und an der Universität Halle – Anfang 2009 als Professor für Archäologie an die Universität Konstanz. Hier zeigt er den Studierenden vor allem in den Studiengängen der Geschichte und der Kulturwissenschaft der Antike den Umgang mit den vielfältigen Formen materieller Kultur als Quelle für die Rekonstruktion und Interpretation historischer Strukturen und Ereignisse. Seine Publikationsthemen reichen von dem Verhältnis von Lebenden und Toten in Assyrien (Habilitationsschrift) bis zur Luxusgüterproduktion in der Spätantike und der Archäologie des Östlichen Christentums.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Forschungsgeschichte und Wahrnehmung „des Orients“ im 19./20. Jahrhundert („Orientalismus“). Im Zentrum seiner Forschungen steht aber das Arsakidenreich, das in römischer Zeit von Syrien bis Pakistan reichte und dessen Geschichte er zurzeit monographisch aufarbeitet. Über Jahre hat Stefan R. Hauser Projekte geleitet, die sich mit der syrischen Oasenstadt Palmyra und mit dem heute irakischen Hatra und seiner Umgebung beschäftigten. Um Hatra herum entdeckte er auch unter anderem die größten nun bekannten Belagerungsanlagen der Antike.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie das erste Mal von den altmediterranen Kulturen gehört haben?

Diese Frage nimmt den Titel meiner Professur auf. Diese ist aber in ihrem Namen und ihrer Art einzigartig. Normalerweise werden die altmediterranen, das heißt griechisch-römischen Kulturen von der Gräzistik, Latinistik, Alten Geschichte und der Klassischen Archäologie bearbeitet, während für den Vorderasiatischen Bereich ganz eigene Fächer existieren. Dass diese traditionellen Trennungen durch die seit Jahrhunderten vorherrschenden Erzählungen europäischer versus orientalischer Geschichte bedingt sind, was seinen Widerhall und eine Verstärkung in der Forschungsgeschichte der Fachdisziplinen findet, aber letztlich den historischen Situationen eher unangemessen ist, musste ich selber herausfinden.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, wodurch Ihr Interesse für diese Kulturen geweckt wurde?

Wichtig war sicherlich ein Buch über das alte Anatolien, das mir meine Eltern schenkten, als ich 15 war. Nachdrücklich in Erinnerung ist auch ein Ausstellungsbesuch, bei dem ich zum ersten Mal Bilder der Säulenstraßen der Oasenstadt Palmyra sah. Noch als Schüler hatte ich so den Wunsch, zumindest einmal nach Syrien zu kommen. Dass ich Jahre später in Palmyra und mit meinen Studierenden über Palmyra arbeiten würde, ist ein unerwartetes Glück.

Sie waren mehrfach im Irak und in Syrien unterwegs. Hatten Sie ein Erlebnis, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Es gibt viele kleine Geschichten von Begegnungen mit Menschen in Ausgrabungen, Dörfern und Städten. Ich denke aber im Moment eher an die von gelegentlichem Vogelgezwitscher und Windsausen unterbrochene Stille und Weite der Steppen Syriens mit dem spezifischen Geruch von Sand und Staub, der von der Hitze in kleinen Windhosen über die Landschaft getrieben wird. Das beinhaltet eine unbedingte Ruhe, die sich auch auf Menschen überträgt.

Derzeit können Sie diese Gebiete nicht bereisen. Auf welche Quellen stützen Sie sich dann während Ihrer Arbeit?

Bei Archäologie denken die meisten Menschen an Ausgrabungen. Das ist ein romantischer Irrtum, denn so viel Spaß die Feldarbeit macht, die meiste Arbeit findet am Schreibtisch statt. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Satelliten- und Luftbildern, die uns viele Aufschlüsse zur Lage und Gestalt von Orten in ihrer Umgebung geben. Viele ältere Ausgrabungen sind noch nicht hinreichend aufgearbeitet und publiziert. Im Moment bereiten wir die Publikation einer Ausgrabung in Syrien vor, die mein Vorgänger auf der Professur, Prof. Sürenhagen, durchgeführt hatte. Als studentisches Projekt wird das begleitet von einer Ausstellung über diesen Tell Jenderes, die ab Dezember 2015 im KulturTURM in Konstanz zu sehen sein wird. Entscheidend sind aber so oder so die Fragen, die wir an neues oder schon bekanntes Material richten. Und die gehen uns nicht aus.

Angenommen, Sie bekommen Geld für archäologische Forschungen zur freien Verfügung. Welches Projekt würden Sie in Angriff nehmen?

Ich würde das Geld weder in Ausgrabungen, noch in die Restaurierung von schon Bekanntem stecken, sondern in die Dokumentation von zurzeit noch sichtbaren Resten in unerforschten Orten. Meine eigenen geplanten Projekte werden momentan durch die Sicherheitslage in Syrien und dem Irak, die ja auch in die Südosttürkei und nach Jordanien ausstrahlt, verhindert. Gerade in der Südosttürkei fallen mir genügend Orte ein, wo man aber keine Arbeitsgenehmigung bekommen würde.

Ihr wichtigster Wunsch für den Irak und Syrien?

Frieden! Das heißt zunächst einmal eine möglichst baldige Einstellung aller Kampfhandlungen und die Möglichkeit für möglichst viele Menschen, in ihre Häuser zurückkehren zu können, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Allerdings ist es mir völlig schleierhaft, wie eine Aussöhnung nach so viel Leid und Hass, Entführungen, Morden, Vergewaltigungen, körperlichen und seelischen Verletzungen bewerkstelligt werden könnte. Beide Länder waren über Jahrhunderte multireligiös. Diesen glücklichen Zustand werden wir wohl kaum wiedersehen.